4 hartnäckige Klischees über Introvertierte: was stimmt, was stimmt nicht

introvertiert ist nicht schüchtern

002: Sind Introvertierte schüchtern? Interessieren sich Introvertierte nicht für andere Menschen? Können Introvertierte nicht vor Menschen reden? Sind Introvertierte nicht als Unternehmer geeignet? Willkommen in der Welt der Klischees! In dieser Episode nehme ich diese Klischees auseinander: was stimmt und was ist Quatsch.

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Weiterführende Links:

Buchtipp Nr.1: „Die Macht der Introvertierten. Der andere Weg zum Glück“, Marti Olsen Laney (Link zu Amazon)

Buchtipp Nr. 2: „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“, Susan Cain (Link zu Amazon)

Textversion:

Immer wieder bekomme ich von Leuten zuhören, dass ich unmöglich introvertiert sein kann, da ich offen auf Leute zugehen kann bzw. keine Probleme mit dem Reden habe. Daran sieht man, dass die Leute eine Menge Klischees über Introversion und Introvertierte verinnerlicht haben. Kein Wunder, in allen bekannten Persönlichkeitstests wird Extraversion als DAS Temperament und DIE Ansammlung der erstrebenswerten Eigenschaften genannt, die für den Erfolg erforderlich sind. Und Introversion wird da als das Gegenteil davon, als das Fehlen all dieser notwendigen Qualitäten dargestellt. Das ist eifach unfassbar! Deswegen können wir nich oft genug über alle möglichen Klischees sprechen, was da überhaupt dran ist und was überhaupt so nicht stimmt. Damit du auch aufklären kannst, wenn dir jemand solchen Unsinn erzählt.

Klischee Nr 1: Introvertiert = Schüchtern

Das ist schlicht FALSCH. Ich habe in der Folge 1 etwas ausführlicher darüber gesprochen, was introvertiert sein bedeutet. Introvertierte wenden sich mit ihrer Energie nach INNEN. Informationsverarbeitungswege sind viel länger&komplexer. Informationen werden viel intensiver verarbeitet, was dazu führt, dass man im Kontakt mit anderen Energie verliert und ermüdet und dann wieder Zeit für sich selbst braucht, um aufzutanken.

Schüchternheit hingegen ist eine Angst, also ein Gefühl/eine Emotion, oftmals basierend auf schlechten Ereignissen in der Kindheit. Angst vor anderen Menschen bzw. bewertet oder abgewertet zu werden. Nicht selten ist diese Angst unbegründet. Dadurch, dass man eine negative Prognose der Konsequenzen einer Auseinandersetzung mit der Angst im Kopf kreiert, schafft man sich damit auch verbundene negative Emotionen. Und je nach Stärke und Ausprägung gibt es da große Unterschiede: von mal in unbekannten Situationen sich unbehaglich fühlen bis hin zu Sozialphobie, wo man regelrecht panische Angst vor Kontakt mit Menschen hat.

Von außen betrachtet sehen die beiden manchmal ähnlich aus. Z.B. Auf einer Netzwerkveranstaltung: Ein Introvertierter hält sich zunächst am Rand auf, um eine gewisse Distanz zu schaffen, die man benötigt, um all die vielen Eindrücke zu verarbeiten und sich an die Umgebung und neue Situation zu gewöhnen. Erst nach dieser Phase ist man bereit, in Kontakt zu anderen Menschen zu treten. Und da Smalltalk von den meisten Introvertierten überhaupt nicht gemocht wird (zu inhaltsleer und uninteressant und daher energiezerrend), kann unsere Kontaktanbahnung auch etwas linkisch aussehen.

Oberflächlich betrachtet kann das auch als Schüchternheit fehlinterpretiert werden. Aber es hat unterschiedliche Quellen und Verläufe. Introvertierte haben im Unterschied zu Schüchternen keine Angst vor Interaktion mit anderen, sondern oft keine Lust, weil es so viel Energie kostet. 🙂

Ich z.B. kann mich sehr gut amüsieren auf Veranstaltungen, wenn ich mir die Zeit genommen habe, in Ruhe anzukommen. Und dann nach einer relativ kurzen Zeit habe ich genug und will meine Ruhe haben, um alle Eindrücke zu verarbeiten und in der Stille Energie aufzutanken. Und wenn ich eh müde bin, kriegen mich keine 10 Pferde unter Menschen. Während, wenn ich gut drauf bin, ich sogar zu einer kleinen Rampensau mutieren kann, wenn auch nur für kurze Zeit 😉 

Eine weitere Frage die dann des öfteren aufkommt lautet, ob Introvertierte denn auch mal schüchtern sind. Ja, kommt vor, genau wie bei Extravertierten. Nur leiden diese dann wohl mehr darunter, da sie Kontakt zu anderen brauchen, aber Schwierigkeiten damit haben, diesen aufzubauen.

Introvertierte haben die Schüchternheit nicht gepachtet. Sowohl Introvertierte als auch Extravertierte können schüchtern sein. Es ist wohl so, dass viele schüchterne Menschen auch introvertiert sind, man spricht von ca. 70%. Aber ca. 70% aller Introvertierten sind nicht schüchtern.

Kurzum: Introversion und Schüchternheit sind verschiedene Dinge und sind daher voneinander zu unterscheiden.

Klischee Nr. 2: Introvertierte interessieren sich nicht für andere Menschen

Natürlich gibt es Introvertierte die sich nicht für andere Menschen interessieren und mehr in ihrer eigenen Welt unterwegs sind, das äußert sich einfach nur anders als bei Extrovertierten. Extrovertierte, die sich nicht für andere interessieren, labern andere gerne zu, Introvertierte hingegen sagen dann eher gar nichts. Ich kenne einige extrovertierte Menschen, die jedem einen riesigen Blumenkohl ans Ohr labern und einen nie zu Wort kommen lassen, weil sie die ganze Zeit nur von sich selbst erzählen. Heißt das, dass sie sich für jemand anderes interessieren? Nur weil Sie ihren Wortschwall ablassen? Wohl kaum!

Tatsächlich steht sogar in vielen Ratgebern, dass Introvertierte besonders gute Zuhörer sind, und das würde ja mit ersterem im Widerspruch stehen.

Ich sehe es aber nicht so, dass alle Introvertierten automatisch gute Zuhörer sind. Es wirkt manchmal so, da man eher mal schweigt und dem anderen so die Chance gibt, loszuwerden, was ihm so auf der Seele brennt. Gerade für Menschen, die viel und gern über sich sprechen, ist es überaus angenehm, wenn jemand auch mal eine Frage dazu stellt oder zumindest nicht dazwischenredet.

Viele Introvertierte sind tatsächlich sehr gute Zuhörer, da sie ihr Gegenüber gern im Detail kennenlernen und zwischen den Zeilen lesen möchten. Und weil es ihnen nicht so wichtig ist, oder sogar unangenehm selbst im Mittelpunkt zu stehen. Das gilt aber selbstverständlich nicht für alle, und schon gar nicht in allen Situationen. Wenn ich z.B. ein Gespräch oberflächlich und damit nicht interessant finde, schalte ich auch auf Durchzug, oder aber mein Hirn tut das von selbst und ich habe dann oft keinen, oder zumindest keinen bewussten, Einfluss darauf. Oder wenn es im mein Lieblingsthema geht, kann ich die Leute ohne Punkt und Komma zulabern 😉

Kurzum: Introvertierten interessieren sich selbstverständlich für andere Menschen und sind gern im Kontakt, wenn sie Lust und Energie haben. 😉 

Klischee Nr. 3: Introvertierte können nicht auf der Bühne stehen/vor Menschen sprechen

Das ist totaler Quatsch! Jeder, der sprechen kann, kann grundsätzlich auch auf einer Bühne sprechen, wenn er es denn will. Und da wir es nun schon geklärt haben, dass introvertiert nichts mit schüchtern sein zu tun hat, dann weißt du, dass natürlich auch Introvertierte vor (vielen) Menschen sprechen können, warum denn nicht?! Und sie können natürlich auch sehr gute Redner sein. Wenn sie es lernen, mit ihren eigenen Qualitäten zu glänzen, statt zu versuchen ganz anders zu wirken, als sie sind – klappt eh nicht.

Es ist sogar so, dass allein auf der Bühne zu stehen gar nicht so weit von der Komfortzone entfernt ist, wie man es gemeinhin meinen könnte. Deswegen sind auch die Möglichkeiten des Online-Marketings wie Webinare, Podcasts, Videos so wunderbare Wege der Kundengewinnung für Introvertierte: man steht für sich allein mit eigenen Gedanken und muss nicht auch noch Infos von außen verarbeiten.

Üben muss jeder Redner, um gute Performance zu liefern, ganz egal ob introvertiert oder extravertiert. Aber bei Vorträgen oder Webinaren kann ich mich wunderbar vorbereiten. Es ist viel angenehmer, als an einer Gruppendiskussion teilzunehmen oder auf Netzwerkveranstaltung Smalltalk zu treiben, wo ich nicht nur Informationen von anderen aufnehmen muss, sondern sie auch noch schnell verarbeiten und dann auch noch spontan nach außen zu kommunizieren – das ist viel komplexer und kostet viel mehr Kraft. Zumal wir dann auch noch unter Druck geraten können, schneller sein zu müssen, als unser Informationsverarbeitungssystem es leisten kann.

Was in der Tat eine Herausforderung sein kann, ist die Fähigkeit, die ganzen komplexen Gedanken aus dem Kopf so zu kriegen, dass sie für Außenstehende nachvollziehbar und nicht zu detailliert sind. Aber auch das ist Übungssache. Gute Performance wird niemanden geschenkt, sie muss man sich immer erarbeiten.

Eine weitere Herausforderung ist natürlich unser Thema Nr. 1: Energie! Wenn ich weiß, dass ich einen Vortrag, eine Lesung oder ein Webinar vor mir habe, dann sorge ich dafür, dass ich fit und ausgeruht bin. Sonst wirke ich auch wie eine Schlaftablette 😉 Und es ist wichtig, vor allem Live-Veranstaltungen nicht nach hinten ausfransen zu lassen. Sondern dafür sorgen, dass die Veranstaltung einen klaren Anfang und ein klare Ende für mich hat. Und dann gehe ich, so lange ich noch gut drauf bin.

Also, wenn wir gut planen und gut für uns sorgen, dann können wir viele Menschen auf unsere Art begeistern und bewegen, auch ohne aus der Torte zu springen. 😀

Kurzum: Introvertierte können sehr wohl vor Menschen sprechen, wenn sie es wollen. 😉

Klischee Nr. 4: Introvertierte können keine erfolgreichen Unternehmer sein

Ich habe schon oft Fälle erlebt, in denen Menschen, die sagten, sie wären introvertiert und Sorgen hatten, ob sie denn es schaffen mit ihrer eher ruhigen Art genug Kunden zu gewinnen, als Antworten bekamen, dass sie es lieber lassen sollten. Es ist nun mal so, dass das Bild eines erfolgreichen Unternehmers – genauso wie Führungskraft – ein extravertiertes ist. Objektiv betrachtet haben beide Temperamente gleichwertig viele Vor- und Nachteile, wenn es darum geht, heute zu Tage ein erfolgreicher Solo-Unternehmer zu sein. Alles andere ist Klischee.

Ich selbst bin sein über 7 Jahren eine Solo-Unternehmerin und habe genug Kunden, meine absoluten Wunschkunden. Und auch viele meiner Wunschkunden gewinnen täglich neue Kunden auf ihre ganz eigene Art und leisten tolle Arbeit. Das wäre ein absolutes Jammer und totale Verschwendung, wenn sie auf solchen Schwachsinn gehört hätten!

Ganz ehrlich: Das Unternehmertum ist sehr gut für Introvertierte geeignet, allein schon wegen des starken Autonomiebedürfnisses. Wir stehen halt gern für uns allein, als in der Masse unterzugehen. Auch haben wir eine unglaubliche „Leidensfähigkeit“, also Ausdauer und Schmerztoleranz gegenüber den Rückschlägen. Wir werden eher vom Ruhenerv gesteuert, anders als die Extravertierten, die vom Belohnungssystem angetrieben werden. Und wer weiter geht als andere, wer in der Lage ist, dickere Bretter zu bohren, ist nun bestens prädestiniert dafür erfolgreich zu sein.

Wir können viellicht nicht unbedingt mit Lautstärke und Omnipräsenz überzeugen. Aber das gelingt uns mit großen Klarheit und Präzision und mit Qualität statt Quantität im Marketing und bei der Kundengewinnung  – das ist das, wobei ich meinen Kunden vor allem helfe.

Kurzum: Introvertierte können erfolgreich in allem sein, natürlich auch Unternehmer, wenn sie es wollen, es auf ihre Art tun und ihre Stärken nutzen. ❤️

Es gibt ganz sicher noch viele weitere Klischees und vielleicht hast du dir auch schon einiges anhören müssen. Schreib sie unten im Kommentar, damit wir noch mehr mit den Klischees aufräumen!

Ich freue mich von dir zu hören 🙂

Herzliche Grüße

Natalie 🙂

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Natalie,

    ich danke dir! Ich habe mir über die Jahre meine Schüchternheit einigermaßen abtrainiert, um dann irgendwann zu akzeptieren, dass ich manchmal einfach lieber alleine sein WILL! Danke, dass du viele Dinge so klar aussprichst. Und Danke, dass du mir Mut machst, dass Selbstständig und Unternehmen kein Widerspruch ist. Denn für mich fühlt sich eine Festanstellung einfach falsch an, wenn es oft darum geht, Dinge zu machen, weil es immer schon so war, auch wenn es Quatsch ist. Ich habe eben auch dieses Autonomiebedürfnis. Ich werde dir weiterhin gerne zuhören! LG aus Österreich

  2. Liebe Susanne,

    herzlichen Dank für deinen Kommentar und für deine so wunderbare Rückmeldung! Hach, das freut mich jetzt sehr 🙂

    Ja, das Autonomiebedürfnis ist eine große Triebfeder, alles Weitere auf sich zu nehmen. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg auf deinem Weg und freue mich sehr, dass su mir weiter zuhörst. Bis bald!

    Herzliche Grüße
    Natalie <3

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