Introvertiert – welche Bedeutung hat Introversion für die Persönlichkeit

Introversion Persönlichkeit

001: Introvertiert – was bedeutet das eigentlich? Woher kommt dieser Begriff? Was ist der Unterschied zwischen introvertiert und extravertiert? Wieviele introvertierte Menschen gibt es denn überhaupt? Darum geht es in dieser Episode.

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Weiterführende Links:

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Textversion: 

Heute geht es um Introversion.

Was ist das überhaupt und wer hat es erfunden? Am besten erkläre ich das anhand eines persönlichen Beispiels von mir selbst.

Typisch Introvertiert? Ich als Beispiel

Sich mit sich allein beschäftigen und nie langweilen

Als Kind hatte ich zwar viele Freunde, habe mich aber auch gerne mal tagelang nur mit mir selbst beschäftigtIch habe Klavier gespielt und dabei etliche Stunden damit verbracht, nur für mich selbst darauf herumzuklimpern oder auch getanzt, das hat mir echt Spaß gemacht. Außerdem habe ich sehr gerne gelesen. Ich glaube, im ganzen Ort gab es kaum ein Buch, das ich nicht verschlungen habe.

Unerwartet im Fokus stehen ist anstrengend

Meine Eltern legten viel Wert darauf dass ich die Musikschule besuchte und im Zuge dessen auch ein Instrument erlernte, in meinem Fall das Klavier. In der Schule ergab es sich so, dass ich oft auf der Bühne stand. Ich habe gern und sogar gut gesungen, sowohl im Chor, als auch als Solistin.

Auch war ich schon immer am Theater und ähnlichem interessiert und machte auch an diversen Stücken mit. Mich reizte schon immer, in unterschiedliche Charaktere zu schlüpfen und das hat sich bis heute nicht geändert, denn ich spiele heute Improvisationstheater. Ich bin es also seit jeher gewohnt, auf der Bühne zu stehen und habe auch keinerlei Probleme damit.

Wenn wir aber zu Hause Gäste hatten, und meine Mutter darauf bestand, dass ich den diesen etwas vorspielte oder -sang, fand ich das grauenhaft, und das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn ich gegen meinen Willen oder ohne Vorbereitungszeit in die Öffentlichkeit gedrängt werde, ist das echt schlimm für mich. Allein die Vorstellung, dass mich etliche Augenpaare beobachten und von mir erwarten, dass ich dann eine gute Vorstellung abliefere, ist mir ein Graus. Vielleicht kommt dir das ja auch bekannt vor. 

Deswegen ist es für viele Introvertierte so anstrengend, in den Meetings plötzlich im Fokus stehen zu müssen, ohne Vorbereitungszeit.

Auftanken durch Zeit mit sich allein

Ein weiteres Beispiel: Wenn ich damals aus der Schule kam, brauchte ich zu Hause erst einmal Zeit für mich. Zeit in der mich niemand ausfragte oder anderweitig nervte, und ich einfach für mich sein konnte. Bei mir zu Hause war das eigentlich gar kein Problem, denn meine Eltern waren beide berufstätig. Im Grunde war ich also ein Schlüsselkind. Perfekte Voraussetzungen für mich. Dann spielte ich, saß vor dem Klavier oder machte auch einfach Hausaufgaben. Egal was, Hauptsache, ich hatte meine Ruhe.

Später, im Studentenheim, sah das aber anders aus. Ich wohnte mit anderen Mädchen in einem Mehrbettzimmer. Das war für mich unglaublich anstrengend. Es war immer ein Gewusel um mich herum und das war für mich teilweise kaum zu ertragen. Selbst wenn die anderen gar nichts gesagt oder getan haben, hat mich oft allein ihre Anwesenheit angestrengt. Das führte nicht selten dazu, dass ich mich ausgelaugt und gestresst fühlte und nicht einmal wusste, warum. Die anderen fanden es doch auch nicht schlimm oder hatten sogar Spaß daran, während ich mir einen abquälte. Auch daran hat sich bis heute definitiv nichts geändert.

Wenn ich längere Zeit unter Menschen verbracht habe, brauche ich anschließend reichlich Zeit für mich allein, ungefähr so, wie die Luft zum Atmen. Zeit, in der ich nachdenken oder einfach die Seele baumeln lassen kann, ohne von äußeren Einflüssen belagert zu werden.

Wir können gut schweigen 🙂

Von meiner Mutter darf ich mir dann anhören, dass ich verschlossen sei. Ich kann sehr einsilbig sein, vor allem dort, wo ich zu Anwesenden kein Vertrauen habe oder ich schlicht keinen Bock darauf habe mich mitzuteilen. Das hat nichts mit Angst zu tun, sondern mit UnlustUnd auch daran, vermutlich nicht allzu überraschend, hat sich bis heute nichts geändert.

Damit bilde ich einen sehr starken Kontrast zu meinem Mann, der extravertiert ist. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, oder am Wochenende nach dem Aufstehen, sprudelt er nur so vor Energie und Mitteilungsbedürfnis. Zudem ist er ein Morgenmensch, womit ich mich ebenfalls nicht wirklich identifizieren kann. Viel mehr als ein müdes „Mhm…“ oder Kopfnicken kommt da oft nicht von mir, wenn ich gerade energiemäßig unten bin. Natürlich musste er auch erst einmal lernen, damit umzugehen.

Passend dazu ist es auch seit jeher so, dass ich, sobald ich bereits viel mit Menschen zu tun hatte, z.b. in der Schule oder auf der Arbeit, und wieder einmal die Phase hatte, in der ich Zeit für mich allein brauchte, eine spezielle Angewohnheit entwickelt habe. Konkret bestand diese darin, dass ich mich, sobald ich aus der Entfernung jemanden sah, den ich kannte und mich dieser noch nicht erblickt hatte, wegging, um nicht in Kontakt treten zu müssen.

Und nein, auch das hat nichts mit Angst vor Menschen zu tun, sondern mit einem besonders gravierenden Fall von Unlust, mich zu dieser Zeit mit anderen Menschen zu befassen.

An jedem anderen Tag, vorausgesetzt, meine Energiespeicher sind wieder aufgeladen, gehe ich hingegen gerne auf diese Person zu und unterhalte mich ausgelassen. Der Kontakt zu anderen Menschen kostet mich nun einmal recht viel Kraft.

Und dann ist da noch Smalltalk 😉

Mir ist durchaus bewusst, das Smalltalk notwendig ist, um ein Gespräch zu einer fremden Person zu beginnen, doch nie kann ich dabei wirklich den Gedanken abschütteln, wie unnötig, oberflächlich und anstrengend das ganze ist. 

Hier sind übrigens zwei Beiträge, die dir helfen können, dich an das Thema Smalltalk anzunähern:

Große Menschenansammlungen – bitte in kleinen Dosen

Und das letzte auf mich persönlich bezogene Beispiel ist das Thema Veranstaltungen, seien es Geburtstage, Großveranstaltungen wie Konzerte oder auch Netzwerkveranstaltungen. Da gehe ich gerne hin, aber nur, wenn ich entsprechend ausgeruht bin. Früher ging ich auch auf dahin, wenn ich eigentlich gar keine Lust hatte. Heute nehme ich mir die Freiheit, bei so etwas abzusagen, wenn ich gar keine Lust habe. Aber natürlich kam es auch des öfteren vor, das selbst Veranstaltungen, auf die ich ursprünglich gar keine Lust hatte, doch noch sehr schön wurden, z.b., wenn sich doch noch tiefgründige Gespräche mit bisher unbekannten Personen, anhand derer man diese umso besser kennenlernen konnte, ergaben.

Und das mag ich auch am liebsten. Mich reizt es nicht, mit tausend Leuten über oberflächliches zu sprechen. Qualität über Quantität, sag ich da nur. Mich interessiert es nicht, dass sich irgendwer neue Schuhe zugelegt hat oder ähnliches. Viel interessanter finde ich, was die andere Person erlebt, oder auch was für Schwierigkeiten sie im Moment hat. 

Wie du auf Veranstaltungen gut für dich und deine Energie sorgen kannst, dazu gibt es gute Tipps in diesem Vlog:

Und auf der anderen Seite …

Ich halte mich selbst für einen lustigen Menschen. Ich tanze unglaublich gerne und habe viel Spaß daran, zu guter Musik abzurocken. So gehe ich dann gerne zwei oder sogar drei Stunden auf der Tanzfläche ab, bin dann aber eben müde und muss schnell nach Hause. Sonst kriege ich richtig schlechte Laune. 😉

Auch was das angeht, ist mein Mann komplett anders gepolt. Der legt dann erst überhaupt richtig los und versteht nicht, wie ich von 0 auf 100 und dann zurück auf Null gehen kann. Tja, so ist es nun mal.

Die Liste könnte noch viel länger gehen. Beispielsweise mag ich es auch nicht, aus heiterem Himmel angerufen zu werden. Viel lieber habe ich es, wenn man mich anschreibt.

Bei aller scheinbarer Verschlossenheit bleibt es allerdings so, dass ich, sobald ich auf mein Herzensthema angesprochen werde, zum Beispiel über Introversion und wie man ein gutes Business aufbaut, über gutes Marketing, dann rede wie ein Wasserfall.

So viel zu meinen typisch introvertierten Eigenarten.

Kommen wir am besten einmal dazu, woran das liegt, wie es festgestellt wurde usw., um dir das Verständnis zu erleichtern, warum es ist wie es ist. Schließlich ist es keine bewusste Entscheidung, plötzlich keinen Bock mehr auf andere Leute zu haben. Was meiner Meinung nach auch vollkommen okay ist, auch mal keinen Bock auf andere Leute zu haben. Auch wenn uns die Gesellschaft das ganze gerne mal anders vorgibt. Immer soll man für alles aufgeschlossen und stets kontaktfreudig sein, blablabla. Extrovertierten Regeln für eine extrovertierte Gesellschaft, und das ist nichts, an dass wir uns unbedingt halten müssen, oder?

Fangen wir also einfach mal an.

Introversion und Extraversion – Wer hat’s erfunden?

Introversion und Extraversion sind zwei Begriffe, die 1921 von Carl Gustav Jung, einem bekannten Schüler und Kollegen von Sigmund Freud, geprägt wurden.

Seine Definition ist folgende: Introvertierte wenden sich mit ihrer Energie nach innen. Sie schöpfen Energie aus ihrer eigenen Welt in ihrem Inneren und alle Impulse von außen kommen extra dazu und müssen noch zusätzlich verarbeitet werden.

Bei Extravertierten hingegen ist es umgekehrt, diese bekommen ihre Energie von äußeren Eindrücken, also anderen Menschen. Sie führen ein auf Kontakt mit anderen ausgerichtetes Leben.

Introversion und Extraversion verhalten sich zueinander wie zwei Seiten einer Energie Medaille, im Grunde untrennbar verbunden. Beide Ausprägungen sind Teil eines Spektrums, auf dessen einer Seite die Introversion und auf der anderen eben die Extraversion liegt. Und keine gesunde Psyche weist nur eines dieser Merkmale auf. Wir sind also alle „Mischwesen“, keiner ist nur Introvertiert oder nur Extravertiert. Sondern trägt beide in sich, lediglich die Gewichtung diesbezüglich unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und es kommt darauf an, was bist du mehr.

Die Frage lautet nun, worin diese Unterschiede begründet sind.

Das Gehirn eines Introvertierten ist im Grunde ständig ausgelastet, da jeder Gedanke und neu gewonnene Eindruck viel intensiver verarbeitet wird, als im extravertierten. Und das auch ohne noch zusätzliche Impulse von außen. Selbst in Ruhephasen ruht das Gehirn also nie, das wurde auch bereits durch verschiedene Tests wie Neuroscans nachgewiesen.

Bei Extravertierten hingegen ist es so, dass sie äußere Eindrücke benötigen, um überhaupt genug Energie zu bekommen, um Denkleistung zu bringen.

Auch die Informationsverarbeitungswege bei Introvertierten sind wesentlich komplexer und daher länger, die Denkarbeit an sich ist daher einfach anstrengender, was einer der Gründe ist, das Introvertierte oft mit den eigenen Gedanken beschäftigt sind und dadurch geistig abwesend erscheinen.

Es dauert zunächst einmal recht lange, aufs Langzeitgedächtnis zuzugreifen und zudem das Chaos aus Eindrücken, die sehr intensiv verarbeitet werden, Erwartungen und Millionen verschiedenen Gedanken zu einem sinnvollen Ergebnis zu kombinieren und noch länger, daraus eine Aussage zu formulieren, die dieses halbwegs adäquat wiedergibt, wenn auch zumeist in stark gekürzter Form, verglichen mit dem, was einem introvertierten Kopf vorgeht. Daher ist die Reihenfolge erst nachdenken und dann reden kein Zufall.

Bei Extravertierten ist dieser Prozess wesentlich abgekürzt. Es wird für die Informationsverarbeitung das Kurzzeitgedächtnis angesteuert. Sie werden vom Dopamin gesteuert und daher begeisterungsfähiger und müssen anders als wir introvertierten nicht erst auf sämtlichen Ebenen überzeugt werden, bevor sie sich auf etwas einlassen.

Weitere Unterschiede zwischen Extravertierten und Introvertierten bestehen in der Nutzung von Sympathikus bzw. Parasympathikus aus dem autonomen Nervensystem. Introvertierte nutzen den Parasympathikus, den sogenannten Ruhe-Nerv, wodurch sie oft ruhiger bzw. besonnener erscheinen. Extravertierte hingegen nutzen mehr den Sympathikus, zuständig für Anregung oder auch AbenteuerlustHormonell läuft ebenfalls einiges unterschiedlich. Diese Unterschiede führen damit zur Ausbildung bestimmter Eigenschaften. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle Introvertierten gleich sind, das gilt auch für Extravertierte.

Fakt ist: Introversion bzw. Extraversion sind angeboren, lassen sich also nicht abschalten bzw. austauschen, warum auch immer man das wollen sollte. Klar, ich kenne viele, die unzufrieden sind mit ihrer Introversion und wären lieber extravertiert, schließlich leben wir in einer extravertiert Gesellschaft. 

Zahlenmäßig sind wir Introvertierten unterlegen, man geht von einem Anteil von 30% aus, demzufolge machen Extravertierte also 70% aus.

Auch sind wir lautstärketechnisch sowie bezogen auf die Geschwindigkeit, mit der wir agieren können, unterlegen, da wie gesagt dass Nachdenken mehr Zeit in Anspruch nimmt. Und da wir primär vom Ruhenerv gesteuert werden, sind uns viele Konflikte schlicht zu anstrengend, wodurch sich die Selbstbehauptung oft nicht allzu leicht gestaltet und Anpassung bevorzugt wird.

Dabei haben Introvertierte einfach andere Stärken, wir z.B.

  • Dinge bis zum Ende durchzudenken,
  • viel besser mit den Frustrationen und Scheitern umzugehen,
  • erst denken dann sprechen,
  • hartnäckig uns ausdauernd Ziele zu verfolgen, ohne dass sofort Belohnung fällig sein muss,
  • viel mehr Details erfassen können,
  • und und und …

Außerdem sind Introvertierte im Schnitt schlicht intelligenter 😉 (Das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht, sondern die Wissenschaftler haben es festgestellt).

Nun werden wir stark von der Gesellschaft geprägt, die uns vorlebt, dass man kontaktfreudig und aufgeschlossen zu sein hat, und das bereits von Kindesbeinen an. Es gilt als unnormal, als Kind am liebsten alleine spielen zu wollen, nicht selten wird man als Problemkind oder sogar depressiv abgestempelt.

Lass mich eben festhalten: Extraversion ist nicht besser als Introversion, umgekehrt ist es aber auch nicht. Es geht mir nur darum, dass du lernst, zu deiner Ausprägung zu stehen und den darin begründeten Reichtum zu erkennen, wertzuschätzen und zu nutzen.

Falls du dir gerade denkst, warum zum Teufel ich dich unbedingt in eine Schublade stecken möchte, darum geht es mir überhaupt nicht. Mir geht es darum, dass du dein eigenes Wesen verstehst und lernst, mit deinen Bedürfnissen umzugehen, um ein glückliches Leben zu führen.

Das heißt nicht, dass du nicht nach außen gehen sollst, ganz im Gegenteil. Das ist notwendig, damit du gesehen wirst, damit du mit deinem Business erfolgreich wirst.

Das allerwichtigste dabei ist aber die Frage, wie du das mit deiner Persönlichkeit am sinnvollsten vereinbarst, ohne dich mit Gewalt in eine Rolle zu drängen, die dir überhaupt nicht liegt und dich auf lange Sicht krank macht, wie ist bei vielen meiner Kunden der Fall ist. Und mir ist das nicht unbekannt, ich lebte lange Zeit ständig außerhalb meiner Energie-Komfortzone. Die Quittung war am Ende ein Burnout. 

Würdige deine Introversion und mach dich nicht unglücklich, indem du auf Krampf versuchst, etwas zu sein, dass du nicht bist, nur weil es gesellschaftlich betrachtet als das Maß der Dinge gilt.

Was denkst du? Schreib mir einen Kommentar dazu!

Herzliche Grüße

Natalie 🙂

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