Hagelt’s Kritik? Was deiner Selbstbehauptung entscheidend im Wege steht

 

Kennst du das?

Du hast dir einen neuen Schrank gekauft und zeigst ihn freudig deiner Freundin. Du denkst, sie freut sich mit dir. Also, du würdest sich mit ihr auf jeden Fall bei so etwas von ganzem Herzen freuen.

Doch stattdessen kommt nur, warum sie sich so einen Schrank nie kaufen würde und was sie daran unpraktisch oder gar hässlich findet.

[Du kannst da natürlich Beliebiges reinsetzen: Handtasche, Auto, Haus. Und natürlich gilt es auch für Männer.]

Dann lächelt sie süffisant und sagt: „Tja, ist deine Sache, was du dir hier reinstellst. Wenn du dich denn so wohlfühlst. Geschmäcker sind eben unterschiedlich.“

Da kann man doch an die Decke gehen, oder?! „Was bildet sich diese blöde Kuh blos ein?!“

Oder knickst du in solchen Situationen ein und fängst an, deine Entscheidung anzuzweifeln: „Mist, sie hat Recht, was hab ich mir nur dabei gedacht?“ 🙁 

Wenn du lieber hörst als liest, hier ist die Audio-Version:

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Schon erlebt?

Dann wette mit dir, dass du schon einige solcher Situationen erlebt hast. Denn wenn du dich in der Geschichte mit dem Schrank und der Freundin erkennst, dann zieht sich das bestimmt wie ein roter Faden durch. Ob es nun darum geht, dass deine Eltern deine Entscheidungen in Frage stellendeine Kollegen deine Ideen im Meeting zerpflücken oder bei deinem Chef, von dem du dich nicht richtig gesehen und erkannt fühlst. Die Bandbreite ist da ziemlich groß.

Die Sache ist die: wir sind ziemlich fest gelegt in unseren Mustern. Also reagieren wir auf ähnliche Situationen auf die gleiche Art. Ob es uns nun gefällt oder nicht. Meistens ärgert man sich im Nachhinein über sich selbst. Doch beim nächsten mal reagiert man wieder ähnlich.

Und wenn du keine Lust mehr auf diese ewig gleichen Spielchen hast, dann lohnt es sich um so mehr, dir die Sache genauer anzuschauen.

3 übliche Arten, auf Kritiker zu reagieren

Ich kenne alle diese drei Varianten von mir selbst, je nach Situation und je nach dem, wie ich gerade drauf bin. Manche dieser Muster bediene ich eher selten, bei anderen arbeite ich daran, so dass es zum Glück immer seltener wird 😉 Und auch von meinen Coachees kenne ich sie. Sie führen einen nicht wirklich weiter beim Thema Selbstbehauptung, und souverän fühlt man sich da auch nicht. Dafür sind sie um so mehr verbreitet. 🙂

Überlege gleich beim Lesen, wozu du neigst. Und sei ehrlich zu dir selbst, auch wenn es sich komisch anfühlen sollte. Denn wenn man die eigenen Muster erkannt hat, ist man schon einen wesentlichen Schritt weiter.

1. Selbstverteidigung von der Anklagebank

Schulz von Thun [DER Kommunikationspapst unserer Zeit, ein zutiefst introvertierter Mensch mit einer großen Sichtbarkeit mit seinem Herzensthema – ich finde ihn einfach großartig] sagte in einer seiner Vorlesungen sinngemäß: „Setzen Sie sich nie freiwillig auf die Anklagebank, dann haben Sie verloren. Denn für den Kritiker gleicht die Rechtfertigung dem Schuldeingeständnis.“ Was er damit meint: Hör auf, dich zu rechtfertigen!

Du erinnerst dich doch sicher aus den Filmen, wie es im Gerichtssaal zugeht. Der Richter sagt: „Angeklagter! Sie haben das Wort. Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen?“. Dabei sitzt er auf einem Podest und guckt auf den Angeklagten herunter. Und wenn dem Richter was nicht gefällt, kann er einfach unterbrechen, Sätze aus dem Protokoll streichen lassen und er bestimmt auch, wann wer redet und wann die Gerichtsverhandlung vorbei ist. Kurzum, der Richter hat den höchsten Status im Gerichtssaal.

Und wer hat den tiefsten Status? Richtig! Der Angeklagte!

Er darf reden, wenn man es ihm erlaubt. Er darf Argumente geliefert, warum er nun zu Unrecht angeklagt ist; warum er Recht hat; was dazu geführt hat, dass er sich so entschieden hat, wie er sich entschieden hat; er (oder sein Anwalt) wirbt für das Verständnis bei den Geschworenen und, und, und … Alles von der Anklagebank aus, von unten nach oben.

Warum das ganze Leben ein Statusspiel ist, erfährst du hier

Ich sage nicht, dass man jetzt nicht mehr argumentieren oder Missverständnisse aufklären darf. Was aber viel zu oft passiert, dass wir uns freiwillig in eine Rechtfertigungsposition – also auf die Anklagebank – begeben, in der wir versuchen von unten nach oben zu kommunizieren. Und bei der der andere entscheidet, was er gelten lässt und was nicht.

Ich denke, du weißt genau, was ich meine. Denn wenn du das erlebst, wirst du es daran erkennen, dass du dich im Nachhinein nicht wohl fühlst und über dich selbst ärgerst. Denn die Rechtfertigung passiert immer aus der Defensive heraus. Und das fühlt sich nun mal nicht gut an. Kommunikation auf einer Augenhöhe sieht anders aus.

Zumal genau das gerade die unsachlichen Kritiker förmlich dazu einlädt, noch man richtig aus der Richterposition mit dem erhobenem Zeigefinger nachzulegen. Weil in solchen Situationen geht es ja nicht darum, was DIE WAHRHEIT ist, sondern um die Kritik an sich.

2. Kleinlaute Selbstkritik

Vielleicht kennst du das auch, dass du bei Kritik anfängst selbst schlecht über dich, deine Ideen oder deine Sachen zu reden? Oder machst du deine Sachen schon im vorauseilenden Gehorsam klein, noch bevor der andere überhaupt etwas sagen konnte?

Besonders Frauen sagt man das nach. Hier ein sehr geläufiges Beispiel, bei dem es zwar im positives Feedback geht, aber die Muster sind die gleichen: Kaum bekommt die Frau ein Kompliment zum neuen Kleid, schon kommt hastiges Abwinken: „Na ja, ist halt von H&M, hat nur 19 Euro gekostet, sieht man auch an der Qualität. Und na ja, ich weiß nicht, meine Beine sehen darin auch nicht so vorteilhaft aus und überhaupt …“.  Kennt man irgendwie, oder? 😉

Das Gleiche gilt natürlich auch für die gelungene Präsentation oder das erfolgreiche Projekt. „Ach ja, sooo toll war das jetzt auch wieder nicht. Sooo lange hat das jetzt auch nicht gedauert.“ Oder über das erfolgreiche Projekt: „Na ja, ich war das ja nicht alleine, das war ja auch das Team.“ usw. Also die Muster sind, wie gesagt, die gleichen.

Viele denken bei so was an „Fishing for Compliments“. Gibt es sicher auch. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir hier unter uns andere Gründe haben: Da werden die im Kopf sitzenden Selbstzweifel, als Vorwegnahme der möglich zu erwarteten Kritik, ausgesprochen. Nun kannst du dir ja sicher selbst vorstellen, wenn das schon so bei Komplimenten  ist, wie dann die Reaktion bei Kritik ausfallen würde. 😉

Wenn man es schon als Kind gelernt hat, dass man durch die selbst geäußerte Kritik weniger Angriffsfläche bietet, dann scheint diese Methode durchaus erfolgsversprechend für das eigene Sicherheitsgefühl.

Dass man sich damit wieder in die Tiefstatus-Position bringt, liegt auf der Hand, denke ich.

3. Gegenangriff 

Manchmal platzt einem einfach der Kragen. Und es gibt ein Donnerwetter. Herumzicken, kleinlich werden, beleidigte Leberwurst spielen, selbst unsachlich werden, Vorwürfe machen, sich empören. Wenn man so richtig in Fahrt gekommen ist, dann kann viel „Porzellan“ zerschlagen werden.

Wenn man diese Geschichte mit dem Schrank bedenkt, dann kann die Angegriffene selbst einen Angriff starten: „Sag mal spinnst du? Was fällt die eigentlich ein? Was bist du für eine Freundin? Guck doch mal deine Wohnung an! Um überhaupt, was bist du denn für Eine? Das ist ja das Allerletzte!“.

Das kann ganz schön heftig werden. Und das ist natürlich eine ganz andere Strategie, als die ersten beiden, wo man in die Defensive geht. Hier geht es darum, Muskeln spielen zu lassen und den Kritiker zu dominieren.

Mal davon abgesehen, dass das alles andere als souverän ist, auch wenn es vielleicht für manchen verlockend ist. Da kann man sich ganz schön selbst ins Knie schießen. Denn damit steigst du in den eröffneten Statuskampf mit ein.

Also reagierst du wieder und lässt dich von der imaginären Karotte von der Nase in eine Richtung bringen, die mit wertschätzender Kommunikation nichts mehr zu tun hat.

Natürlich kannst jetzt sagen: „Na und, die andere hat doch angefangen!“ Stimmt. Und? So machen das die Kinder auch: haut mir das eine Kind dem anderen auf die Nase, dann haut es zurück, weil es sich nicht anders zu helfen weiß. Am Ende heulen beide. Freundschaft vorerst vorbei.

Auch wenn sich so manches Dominanzverhalten erstmal cool anfühlen mag, gibt es bei so etwas auf einer erwachsenen, reflektierten Ebene keinen Sieger, sondern nur Verlierer.

Ich weiß wovon ich spreche, denn ich habe schon als Kind gelernt, dem Streit nie aus dem Wege zu gehen. Was bedeutet, dass ich zwar noch nie Probleme hatte, mich zu behaupten. Andererseits habe ich schon zu oft in meinem Leben meine Kraft in Statuskämpfen vergeudet. Für mich als Introvertierte total anstrengend, weil das sehr viel Energie kostet. Denn das gehört ja eigentlich nicht wirklich zu meinem ursprünglichen Naturell.

Für mich ist heute die Kommunikation auf der Augenhöhe sehr, sehr wichtig. Egal in welcher Situation. Bei der wir nicht in den Tiefstatus reinfallen, einknicken und aus der Defensive heraus handeln. Und auch nicht versuchen das Gegenüber mit Dominanz zu übertrumpfen. Wertschätzung sich selbst und dem anderen gegenüber – das halte ich für optimal.

Klar, hat es für mich total viele Vorteile, gut für sich einstehen zu können. Die Frage ist immer nur, auf welche Art, bis zu welchem Grad und um welchen Preis. Zumal wenn der andere auf deinen Gegenangriff auch wieder einsteigt, dann kann sich die ganze Sache in solche Dimensionen aufschaukeln, die du später sehr bereust.

Was ein Glück, dass ich einen großen introvertierten Anteil in mir habe, der dafür sorgt, dass ich am Ende doch auf Harmonie bedacht bin und dass es mir leicht fehlt, erst zu überlegen, bevor ich so manchen unüberlegt ausspreche. 😉

Wenn man sich da aber nicht richtig im Griff hat, dann kann es ganz schön in die Hose gehen. Wenn man beispielsweise jedes mal einem Chef bei unberechtigter Kritik mal so richtig die Meinung geigt, nach dem Motto: „Mit mir nicht!“, dann wird man sich sehr oft nach einem neuen Job umschauen müssen. Auch Partner, Freunde, Kollegen, Kunden kann man so schnell kränken und sogar vom Hof jagen.

Es ist gut, möglichst viele Verhaltensalternativen zu haben

Natürlich ist es schön, wenn man alles im Portfolio hat:

  • auch mal dominant aufzutreten
  • auch sich mal zurück nehmen und kleinlauter werden, als sonst
  • auch für sich argumentieren können und die eigenen Entscheidungen begründen.

Die Frage ist ja, steht es mir ganz bewusst zur Verfügung? Verhalte ich ganz bewusst auf eine bestimmte Art und Weise? Oder geschieht es mir?  So dass ich im Nachhinein denke: „Oh, nein, nicht schon wieder!“

Reagierst du aus dem Ohnmachtsgefühl heraus?

Gerade bei den Übertreibungen, also wenn du

  • immer wieder kleinlaut wirst und dich selbst schlecht macht
  • immer wieder auf der Anklagebank landest und dich ständig rechtfertigst
  • immer sofort zum Gegenangriff übergehst und dich ewig in Statuskämpfen aufreibst

geschieht das aus einem Ohnmachtsgefühl heraus. Genau diese Ohnmachtsgefühle rufen dieses unfreiwilliges Reagieren hervor. Zack, jemand hat mit seiner Reaktion einen deiner Knöpfe gedrückt und schon geht es los: Das Muster wird automatisch abgespult.

Und alles, was aus einem Ohnmachtsgefühl heraus geschieht, ganz egal auf welche Art, kann schon per Definition nicht souverän sein. Denn was ist Souveränität?

Souveränität ist Selbstbestimmungsfähigkeit, die durch Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Person gekennzeichnet ist. Und grenzt sich von dem Zustand der Fremdbestimmung ab. (Wikipedia, angepasst)

Denn in dem Moment, wo du auf etwas reagierst, was ein anderer gesagt oder getan hat, in dem bei dir automatisch ein Muster angeworfen wird, das du nicht stoppen kannst, bist du ganz sicher nicht selbstbestimmt, sondern ganz klar fremdbestimmt. Deswegen reagiert man ja auch in ähnlichen Situationen auf die gleiche Art, weil das Automatismen sind. Du wirst mir sicher Recht geben, dass in Automatismen laufen das Gegenteil von Souveränität, also Selbstbestimmung ist.

Ich denke, du verstehst, was ich mit den Ohnmachtsgefühlen meine. Oft denken Leute, dass jemand, der aus dem Ohnmachtsgefühl reagiert, reagiert auf eine defensive, passive Art und Weise, also wird eher kleinlaut. Doch das stimmt nicht ganz. Gerade das aggressive Verhalten resultiert sehr sehr oft aus einem Ohnmachtsgefühl heraus .

Wie ich sagte, das alles ist kein Schicksal. Der große Vorteil ist, wenn du dich in den beschriebenen Verhaltensmustern wieder gefunden hast: Du wirst sie künftig bei dir und anderen erkennen. Und Erkenntnis ist bekanntlich der erste Weg zu Besserung!

Mach dir klar: Es gibt Menschen, die an allem und jeden herumkritteln

Wenn wir die Freundin aus der Schrank-Geschichte nehmen, dann kann man davon ausgehen, dass sie zu denen gehört, die dazu neigen, in allem etwas kritisches zu finden. Wenn du solche Leute in deinem Umfeld hast, dann mach dir klar, dass was sie in solchen Situationen von sich geben, hat kaum was mit dir zu tun, sondern mit denen selbst! Mit deren Art, die Welt zu sehen, mit ihrer Art, durch das Leben zu gehen, mit ihrer Art, auf neue Dinge zu reagieren. Wer von Haus aus überall das Haar in der Suppe sucht, der findet eines.

Eines steht fest: Du wirst diese Menschen nicht ändern.

  • Ganz egal, wie viel du argumentierst und dich auf die Anklagebank begibst.
  • Ganz egal, wie kleinlaut du wirst.
  • Ganz egal, wie oft du sie zurück angreifst.

=> Du wirst sie nicht ändern!

Eine kleine Einschränkung: Es kann natürlich sein, dass du auf dem Ohr besonders empfindlich bist und jede Bemerkung, die nicht 100% so ausfällt, wie du es dir vorstellst, sofort als persönliche Kritik auffasst. Das kenne ich. Von vielen Menschen. Ich vertraue jetzt darauf, dass du da ganz ehrlich mit dir selbst bist. Und dass du wirklich reflektierst, ob es wirklich mit einer bestimmten Person zu tun hat, die ständig und ewig an dir herum kritisiert. Oder ob das zu dienen eigenen Empfindlichkeiten.

Willst du dich künftig öfter souverän fühlen?

Eines ist klar, du bist so oder so, ganz egal, was die Gründe für deine Reaktionen sind, du bist dem keinesfalls ausgeliefert. Denn du bist durchaus in der Lage zu lernen, anders zu reagieren. Du hast ja irgendwann diese Verhaltensweisen gelernt. Und du kannst genauso wieder lernen, anders zu reagieren.

Wenn du lernst, bewusst zu reagieren, statt die ewig gleichen Muster zu bedienen, machst du dich und dein Wohlbefinden unabhängiger von Marotten anderer Leute oder auch von deinen Empfindlichkeiten.

Wie wäre es denn, wenn du das Gegenteil von Sich-ausgeliefert-fühlen in solchen Situationen erleben würdest, also dich souverän fühlen würdest? Und damit auch souverän regieren? Ich denke, dass echt cool!

Hach, ich verstehe dich so gut. Denn ich arbeite selbst seit Jahren dran und habe beachtliche Erfolge zu verzeichnen. Daher weiß ich, wie gut es sich anfühlt, selbst zu bestimmen, wie und was ich sage und reagieren. Ich habe zu diesem Thema echt viel zu erzählen. Es ist nämlich eines meiner Lieblingsthemen. Nicht umsonst habe ich dazu mein erstes Buch „30 Minuten Selbstbehauptung“ geschrieben. 😀

Fortsetzung folgt

Ich finde das Thema wichtig genug, um da noch tiefer einzusteigen. Es wird also in den nächsten Wochen Fortsetzungen geben. Denn es soll nicht dabei bleiben, dass du weißt, wie du reagierst, sondern auch, was du besser machen kannst.

Da werde ich dann schreiben über

  • die Herausforderungen, die wir, Introvertierte, bei der Selbstbehauptung haben
  • die souveränen Wege der Selbstbehauptung
  • wie du deine introvertierte Stärken für diese Wege richtig gut einsetzen kannst.

 

Herzliche Grüße, Natalie 🙂

PS: Seit Kurzem bin ich zum Du übergegangen, also wunder dich nicht, wenn die früheren Artikel per Sie geschrieben sind.

 

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