Netzwerken Frauen anders? – Zusammenfassung der WBL-Veranstaltung

Gestern Abend habe ich an einer Veranstaltung der Women’s BusinessLounge in Hamburg teilgenommen. Das Thema des Abends war „Erfolgreich netzwerken – Worauf kommt es an?“. Die Vortragende, Frau Angela Rittig, Manager Corporate Communications bei XING, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Frauen und Netzwerke“. Die anschließende Diskussion mit den Zuhörerinnen floss ebenso inhaltlich in diesen Bericht ein.

Frau Rittig sprach darüber, dass Frauen zwar viel privat netzwerken, dieses aber leider nicht auf das Business übertragen. Nach ihrer Meinung ist das das mangelde Netzwerken einer der Gründe dafür, dass so wenig Frauen in den Führungsetagen zu finden sind.

Lt. diverser Studien nutzen Männer ihre Netzwerke, um einen Job zu wechseln. Frauen nutzen stattdessen eher formelle Wege, z.B. Jobbörsen, Stellenanzeigen usw.
Dabei ist es so, dass > 50% der Jobs über Empfehlungen vergeben werden und die Arbeitgeber mit empfohlenen Mitarbeitern zufriedener sind, da sie Vorschusslorbeeren der Empfehlung ihren Dienst leisten.

Frauen haben den etablierten Männernetzwerken nichts entgegenzusetzen. Es ist sogar so, dass sie netzwerken für andere (Familie und Freunde), aber nicht für sich. Wenn jemand aus der Familie etwas braucht (z.B. ein Praktikumsplatz für das Kind), dann werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um alle noch so entfernte und lang vergessene Kontakte zu aktivieren. Nur für sich selbst nutzen sie Ihre Kontakte nicht beruflich. Frauen haben eine Hemmschwelle, ihr privates Netzwerk im Business zu nutzen. Sie befürchten, dass es als Ausnutzung der Freundschaft/Beziehung gesehen wird. Dabei haben Frauen eine grosse Scheue davor, Privates und Berufliches zu verbinden. Außerdem haben sie von Anfang an sehr hohe Ansprüche an Beziehungen aller Art.

Männern dagegen fällt der oberflächliche Kontakt leichter. Sie haben weniger Probleme, die privaten Kontakte für ihre beruflichen Belange zu nutzen.

Frau Rittig machte es auch am Beispeil von XING als Business-Netzwerk deutlich:
– nur 1/3 der Mitglieder sind Frauen,
– Frauen haben weniger Kontakte als Männer,
– 70% der Premium-Mitglieder sind männlich,
– Frauen versenden weniger Einladungen.

Als Vergleich: in privaten Netzwerken (Facebook) sind Frauen wesentlich aktiver als Männer. Die am schnellsten wachsende Nutzer-Gruppe sind Frauen ab 40.

Frauen nehmen keine Hilfe aus ihrem Bekanntenkreis für sich in Anspruch. Erstaunlich ist aber, dass sie auch kaum Empfehlungen für andere aussprechen. Lt. einer aktuellen Headhunter-Befragung durch XING werden 90% aller Empfehlungen durch Männer ausgesprochen – Frauen meinen, sie kennen niemand Geeignetes. Die Befragten stimmen überein, dass Männer viel eher berufliche Netzwerke bilden, um einander zu unterstützen. (Frauen nutzen Netzwerke unzureichend_XING-Studie)

In der anschließenden Diskussion kamen wir auf folgende mögliche Ursachen für dieses Empfehlungs-Verweigerungs-Verhalten der Frauen:
– Befürchtungen, dass nach einer Empfehlung im Negativfall es auf sie zurück fällt.
– Missgunst unter Frauen, ganz nach dem Motto: “Ich will den Job selbst zwar nicht haben, aber einer anderer gönne ich es auch nicht.”

Was tun? Wie kann dieser Zustand verändert werden?

Angela Rittig hat 4 Faustregeln mitgegeben, die ich hier möglichst getreu wiedergebe:

1. Faustregel: Seien Sie auffindbar!
Ob Sie es wollen oder nicht, wenn Sie sich bewerben wird Ihr Name von Personalern gegoogelt. Und dann will man Sie im beruflichen Kontext finden, nicht unbedingt die privaten Fotos. (Achtung bei den reingestellten Inhalten!)

2. Faustregel: Trauen Sie sich!
Wenn auf einer Veranstaltung jemand einen Vortrag zu einem für Sie interessanten Thema hält – sprechen Sie ihn/sie danach an, trinken Sie zusammen einen Kaffee (oder was auch immer). Machen Sie sich im Vorwege keine solchen Gedanken wie: “Oh, was denkt er/sie von mir?” Überlegen Sie einfach, wie würden Sie reagieren, wenn jemand Sie Ihren Vortrag toll gefunden hat und Sie wegen Ihren Fachthemas angesprochen wenden. Wenn Zeit da ist, wird keiner dazu nein sagen. Wichtig ist: Es muss ja nicht gleich um mehr gehen. Es geht nicht immer um Freundschaft und grosse Sympathie. Der Kontakt muss danach auch nicht weiter geführt werden und vielleicht hören Sie dann auch nie wieder voneinander – es ist überhaupt nicht schlimm!

3. Faustregel: Von wem können Sie lernen?
Halten Sie Ausschau nach Menschen, die Ihnen nützlich sein können. Das bedeutet unter Umständen, dass Sie Ihre Mittagspause nicht nach persönlichen Freundschaften, sondern nach anderen Kriterien gestalten. Wen kann es interessieren, was Sie gerade tun? Wer sollte Sie für eine künftige Beförderung/Gehaltserhöhung auf dem Radar haben? Suchen Sie sich positive Vorbilder, von den Sie lernen/profitieren können. Verabreden Sie sich mit dieser Person zum Essen, zum Kaffetrinken. Überlegen Sie, welchen Nutzen können Sie als Gegenleistung anbieten? Man hat immer auch selbst was zu bieten – erkennen und benennen Sie es.

4. Faustregel: Junge Frauen fördern
Wenn junge Frauen in Ihrem Unternehmen sind, nehmen Sie diese an die Hand, unterstützen Sie sie. Mentoring ist dabei ein wichtiger Instrument. Gehen Sie mit Ihrem gutem Beispiel voran, statt Ihr Konkurrenzdenken zu pflegen. Leider ist es oft so, dass Frauen, die es selbst geschafft haben, denken: “Ich habe es alleine geschafft, also müssen Sie mal sehen wie es ist und sich selbst durchboxen.” Schade. Männer suchen sich Ziehsöhne aus unterschiedlichen Gründen (aus Erinnerung an eigenen Sohn, wegen des Talents usw.) und fördern sie.

Als letztes möchte ich noch einen spannenden Gedanken einer Teilnehmerin Ihnen wiedergeben. Sie erleichtert sich die Kontaktaufnahme und das Netzwerken, in dem Sie folgende Punkte beachtet:
– Danken
– Loben
– Helfen
– Bitten.

Auf diese Weise liefert sie drei Dinge (danken, loben, helfen), um einmal für sich um Unterstützung zu bitten. Ganz so wie es beim Netzwerken funktioniert: erst geben, dann nehmen.

Alles in einem war es eine sehr spannende und auf jeden Fall sinnvolle Veranstaltung. Ich netzwerke viel und gerne. Dennoch habe ich wichtige Impuse für mich mitgenommen.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Können Sie die hier dargestellten Aussagen bestätigen? Oder läuft es bei Ihnen ganz anders?

Hier schreibe ich zu meinen Herzensthema Sichtbarkeit für introvertierte oder zurückhaltende Menschen. Dazu gehören auch Themen Präsenz, klare Ansagen und Selbstbehauptung. Meine Spezialität ist die Verbindung zwischen dem Improvisationstheater und dem Leben.

4 Comments

  1. ak aus Xing-Gruppe
    8. September 2011

    Liebe Frau Schnack,

    der Artikel stimmt mich nachdenklich und so ad hoc kann ich für mich weder bestätigen noch dementieren. Eines ist aber gewiss: auch ich frage niemanden oder erst sehr, sehr spät, wenn ich Hilfe brauche. Insofern Tendenz: stimmt wohl überwiegend!

    Herzliche Grüße und vielen Dank für diese Zusammenfassung (ak, eine Frau)

    Reply
  2. Nadine Schier
    8. September 2011

    JAWOLL, das stimmt…nee nicht für mich. Netzwerken konnte ich beruflich schon immer besser als privat. Wenn ich mich aber so im BekanntInnenkreis umsehe. Wenn ich zu Veranstaltungen und co gehe, denken viele, dass sei nur persönlicher Spass. Netzwerken unter Frauen ist immernoch ein bisschen verpönt. Wieso eigentlich?

    Reply
  3. Pierrette Antony
    9. September 2011

    Liebe Frau Schnack,

    ich habe Ihren Artikel mit Interesse gelesen und kann ihn nur bestätigen.

    Wir Frauen stehen uns sehr oft selbst im Weg, aus welchem Grund auch immer.

    Ich bin eine grosse Verfechterin des Netzwerks sowohl beruflich als auch privat, merke aber immer wieder – vor allem im beruflichen Umfeld – das dies bei anderen Frauen, Kolleginnen, eher mit Argwohn gesehen wird und teilweise auch als “schleimen” bezeichnet wird. Meine eigene Erfahrung sagt mir jedoch, dass es meine Arbeit ungemein erleichtert. Ich werde sicher weiter netzwerken und kann es nur weiterempfehlen.

    Sonnige Grüsse

    P. Antony

    Reply
  4. Natalie Schnack
    9. September 2011

    Meine Damen,

    vielen Dank für Eure/Ihre Kommentare, die die erläuterte Einschätzung leider bestätigen.
    Wie schon im Bericht geschrieben, netzwerken Frauen sehr viel – das ist gar nicht die Frage. Die Frage ist nur: WIE? Die Quantität ist hoch, die Qualität – auf die Verwertbarkeit im Business beleuchtet – ist wohl eher mangelhaft.
    Vermutlich auf Grund eines großen Konkurrenzverhaltens, auf Grund sehr hoher ethischer Ansprüche an die Beziehungen (sonst würde man es ja nicht als Schleimen bezeichnen) usw.
    Mir fällt auf, dass in Frauenneztwerken es oft um “Heididei” und Streicheleinheiten auf der Oberfläche geht, unter der Oberfläche tobt aber ein Konkurrenz-Kampf.

    Hier bleibt es uns, die Sache weiter zu beobachten und das eigene Netzwerkverhalten zu hinterfragen. Außerdem können wir doch mit dem besten Beispiel vorangehen und darauf einwirken, dass unsere Netzwerke anders funktionieren.
    Ich bleib an der Sache dran!

    Herzliche Grüße
    Natalie Schnack

    Reply
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